Schwester Doris und eine Haltung, die bleibt
22. Mai 2026
Schwester Doris arbeitet bis heute im Dienst der Diakonie. Ihr Weg führte sie von Braunwald nach Zollikerberg, von der Gemeinschaft der Diakonissen in einen Alltag, der sich verändert hat und im Kern doch etwas bewahrt. Ein Porträt über Glauben, Pflege, gelebte Haltung und das, was aus einer langen Tradition nachklingt.
Wenn Doris Hürzeler von ihrem Alltag erzählt, spürt man schnell, wie viel ihr daran liegt. Das zieht sich durch das ganze Gespräch und hat vielleicht auch mit ihrer Haltung als Diakonisse zu tun. Heute arbeitet sie in einem Tertianum auf einer geschlossenen Demenzabteilung, übernimmt Früh- oder Spätverantwortung und bereitet daneben über das Jahr hinweg vieles für den Weihnachtsmarkt der Stiftung Diakoniewerk Neumünster vor. Confi, Sirup, Guetzli, Dörrfrüchte, gestrickte Socken. Alles von Hand gemacht und das ganze Jahr über bei Schwester Doris unter der Nummer 079 318 51 10 erhältlich. In all dem zeigt sich ein Gemeinschaftssinn, mit dem sie ihre Arbeit lebt: verantwortungsvoll, nah bei den Menschen und getragen von einem Miteinander, das gerade in diesen Zeiten besonders wertvoll ist.
Dass sie Diakonisse ist, stellt sie nicht in den Vordergrund. Sie trägt keine Tracht mehr und spricht das auch nicht von sich aus an, ausser sie wird danach gefragt. Das kommt vor, und daraus entstehen oft gute Gespräche. Bewohnende und Mitarbeitende würden immer wieder mit Themen auf sie zukommen, die wohl auch mit ihrer Berufung zu tun haben. Für sie selbst gehören solche zugewandten Gespräche einfach dazu. Wir sind Menschen wie alle anderen auch, sagt sie. Und da sei der Glaube nicht entscheidend. Entscheidend sei vielmehr, wie gut wir miteinander leben. Das zeige sich auch in der Zusammenarbeit im Team, die trotz unterschiedlicher Prägungen gut funktioniere.
Von Braunwald in den Zollikerberg
1981, mit 16 Jahren, entschied sie sich, nach Braunwald zu gehen, um etwas Neues zu erleben. In die Diakonissengemeinschaft eintreten wollte sie zunächst nicht. Sie arbeitete acht Jahre im Zimmerdienst und in der Küche, dort, wo Gäste ein und aus gingen und der Alltag klar gegliedert war. Abendandachten gehörten damals für alle dazu. Das habe Verbindung geschaffen, sagt sie, und ihr Glaube sei in dieser Zeit langsam gewachsen.
Dem Entscheid für die Gemeinschaft ging aber auch eine Krise voraus. Sie habe sich lange dagegen gewehrt, sei innerlich davongelaufen. Als sie sich dann dafür entschied, sei das befreiend gewesen. Da habe sie gespürt: Hier bin ich zuhause.
Was sie als junge Frau anzog, war vor allem das Miteinander. Der gemeinsame Tagesablauf, die Andacht, die Jugendgruppe der Kichgemeinde, das Arbeiten, das Essen, die Zimmerstunde, Zeit für sich und Zeit mit anderen. Gleichzeitig war das Leben in Braunwald eng geregelt. Für Ferien, Geld oder ein Zugticket musste man fragen.
Mit dem Wechsel nach Zollikerberg öffnete sich für Schwester Doris vieles. Sie erhielt einen Lohn, konnte eigenständiger über ihren Alltag verfügen, einen dreijährigen Theologiekurs machen, neue Beziehungen aufbauen und später auch reisen. Tibet, Nordkap und Kenia erweiterten ihren Horizont. Auch im Arbeitsalltag veränderte sich einiges. In Braunwald war der Kontakt zu den Gästen auf die Ferienzeit beschränkt. Hier in Zollikerberg wurde das Leben offener und auch die Aufgaben vielfältiger. Nach einem Jahr wechselte sie von der Gastronomie in die Alterspflege. Das war 2001. Damals, sagt sie, seien noch 120 Schwestern hier gewesen.
Da sein im Alltag
Eine Arbeitskollegin habe einmal zu ihr gesagt, sie sei immer da. Schwester Doris habe das berührt, weil es etwas trifft, das ihr wichtig ist. Da sein, zuhören, Hilfe anbieten, gerade dann, wenn die Zeit knapp ist und viel Arbeit ansteht. Es ist eine Haltung, die sich nicht in grossen Worten zeigt, sondern im Alltag.
Auf der Abteilung für Menschen mit Demenz heisst das ganz Konkretes. Medikamente verteilen, das Frühstück begleiten, später dokumentieren, anderen auch mal eine Pause ermöglichen. Gute Pflege bedeutet für sie, ein Gespür für Menschen zu entwickeln. Zu merken, was jemand möchte, auch wenn es nicht mehr leicht gesagt werden kann. Manchmal gehört dazu auch etwas, das gar nicht auf dem Papier steht. Kürzlich half sie einer Bewohnerin beim Nähen. Eigentlich gehört das nicht zur Pflege. Und doch war es in diesem Moment genau das Richtige. Dieses feine Gespür in ihre Arbeit einzubringen, bedeutet ihr viel.
An ihre Grenzen kommt sie nicht schnell. Wenn Menschen nur noch recht haben wollen und sich streiten, könne es schon sein, dass sie sich einbringe. Aber das sei selten. Dann gehe es darum, zu beruhigen und wieder etwas Ordnung hineinzubringen.
Was von der Diakonie bleibt
Diakonie bedeutet für Schwester Doris heute vor allem, Gutes zu tun und achtsam miteinander umzugehen. Der Glaube sei für sie wichtig, sagt sie, aber Menschen könnten auch ohne überall Gutes tun. Diakonie ist für sie nichts Abgehobenes. Auch unter Diakonissen, sagt sie, sei nicht einfach alles harmonisch. Wir sind wie alle anderen. Gerade deshalb wirken ihre Worte so glaubwürdig. Diakonie zeigt sich für sie nicht in einem idealen Bild, sondern darin, wie Menschen einander im Alltag begegnen.
Damit berührt ihre Geschichte auch etwas, das weit über ihre Person hinausgeht. Lange bevor der Name «Gesundheitswelt Zollikerberg» beschrieb, wofür wir als Institution stehen, waren Diakonissen tragende Kräfte in Pflege, Gemeindedienst und weiteren Aufgabenfeldern. Sie lebten aus dem reformierten Glauben heraus, dienten den Menschen und übernahmen Verantwortung in einer Zeit, in der berufliche und gesellschaftliche Wege für Frauen noch deutlich enger waren. Ihre Geschichte erzählt deshalb nicht nur von Fürsorge und Glauben, sondern auch von Frauen, die sich über Arbeit, Gemeinschaft und Verbindlichkeit einen Platz in der Gesellschaft erwarben.
Vieles von dem, was diese Frauen getragen hat, klingt bis heute nach. Auch in unseren Grundsätzen. Partnerschaftlichkeit, Verbindlichkeit, Transparenz, Wertschätzung und das Ganze sehen beschreiben eine Haltung, die der Diakonie nah bleibt. Sie zeigt sich dort, wo Menschen einander mit Respekt begegnen, wo fachliches Können der Lebensqualität dient und wo körperliche, seelische, soziale und spirituelle Bedürfnisse mitgedacht werden. In diesem Sinn ist Diakonie nicht nur Teil unserer Herkunft. Sie bleibt auch heute ein Anspruch an unser Handeln.
Was Doris Hürzeler sich von dieser Tradition für unseren Alltag wünscht, sagt sie ganz einfach: eine zugewandte Kommunikation, ein Team, das einander wertschätzt, so wie man halt ist. Alle haben ihre Macken, das gehört dazu. Gerade in dieser Schlichtheit liegt viel Kraft.
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