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Gesundheitswelt

125 Jahre «Pflegi»

Katharina Kull-Benz

Katharina Kull-Benz

1. Oktober 2026

Begrüssungsansprache zum Festanlass am 24. August 2026, GZ Hottingen «Pflegi»-Areal von Katharina Kull.

Stiftungsratspräsidentin Stiftung Diakoniewerk Neumünster – Schweizerische Pflegerinnenschule, 1982 bis 1998 Stiftungsrätin, Mitglied der Geschäftsleitung und Vizepräsidentin des Stiftungsrates der
Schweizerischen Pflegerinnenschule.

Ich freue mich sehr, diesen besonderen Jahrestag heute mit Ihnen allen zu begehen, - mit Wegbegleitenden, einer Gruppe ehemaligen Mitarbeitenden der «Pflegi» und Menschen, die die Zukunft der Pflege und Medizin mitgestalten. Wir haben uns vermutlich letztmals zum 100. Geburtstag der «Pflegi» hier an diesem Ort getroffen, das Jubiläum haben wir bereits 1999 gefeiert, kurz nach dem Zusammenschluss mit dem Diakoniewerk, dies, weil die Gründung des Vereins «Stiftung Schweiz. Pflegerinnenschule mit Frauenspital» bereits 1899 stattfand.

Vor 125 Jahren brauchte es für das eindrückliche Gründerinnen-Trio, Anna Heer, Marie Heim-Vögtlin und Ida Schneider ausserordentlichen Mut, Weitsicht und Tatkraft, eben Pionierinnengeist um mit der Eröffnung des Spitals am 30. März 1901 an der Carmenstrasse, hier an dieser Stelle, einen Ort zu schaffen, der zweierlei revolutionierte: er machte die Krankenpflege von einem aufopfernden, wohltätigen Dienst , zu einem professionellen, anerkannten Beruf und schuf ein Spital von Frauen für Frauen mit einer konfessionsunabhängigen Ausbildung. 

Die Baukosten für das Spital betrugen 520'000 Franken, gedeckt durch 70% Sammlungen und Schenkungen und 30% durch Ausgabe von Obligationen. Als Vorbild für Bau und Betrieb der «Pflegi» diente das «Allgemeine Krankenhaus Hamburg-Eppendorf», das damals als eines der modernsten Krankenhäuser galt.

Die «Pflegi» war über Jahrzehnte hinweg weit mehr als nur ein Ausbildungsort oder ein Spital. Sie war ein Ort der Emanzipation, der Solidarität und der Spitzenmedizin für Frauengesundheit. Auch wurde sie zur Marke für eine Lebensschule und zum emotionalen Anker – für unzählige Zürcherinnen und Zürcher -, schlicht das Geburtshaus, indem sie das Licht der Welt erblickten.  

1904 wurden die ersten 13 Krankenschwestern nach dreijähriger Ausbildung im Schulspital «Pflegi» diplomiert, im ersten Jahr wurden 90 Kinder in der «Pflegi» geboren, am 7. Dezember 1988 kam das 100’000 Kind in der «Pflegi» zur Welt, ein Mädchen namens Annika. Ab 1964 nahm die «Pflegi» auch männliche Patienten auf, in der Folge gab es auch vermehrt männliche Ärzte. 

Die «Pflegi» und die Stadt Zürich gründeten 1976 gemeinsam den Verein «Krankenpflegeschule Zürich» und fassten darin die Berufsschulen von «Pflegi» und Triemli zusammen.

Ich freue mich sehr, als Stiftungspräsidentin des Diakoniewerks heute an den Ort zurückzukommen, an dem ich von 1982 bis zum Zusammenschluss mit dem Diakoniewerk 1998, also 16 Jahre, als Mitglied des Stiftungsrates, als Mitglied der Geschäftsleitung und in den letzten «Pflegi»-Jahren auch als Vizepräsidentin des Stiftungsrates mitarbeiten durfte. Trix Heberlein war in dieser Zeit Präsidentin des Stiftungsrates, Margrit Hilty und Max Jöhl die beiden letzten Verwaltungsdirektoren vor dem Zusammenschluss. 

In den 1980er Jahren haben wir die Spitalleitung professionalisiert und modernisiert, indem wir ein Dreibein einführten, Ärztliche Direktion, Pflegedirektion und Verwaltungsdirektion. In der «Pflegi» hat es funktioniert: Nach kurzer Zeit arbeitete dieses Führungstrio sehr erfolgreich.

1984 beschloss der Stiftungsrat ein neues Spitalkonzept, mit Gynäkologie, Geburtshilfe, Neonatologie, innerer Medizin und Chirurgie plus der geriatrischen REHA Klinik Anna Heer. Das Kinderhaus, respektiv die Pädiatrie wurde schweren Herzens geschlossen.1985 übernahm mit Dr. Beat Morell erstmals ein Mann die ärztliche Leitung und als Chefarzt die Funktion des ärztlichen Direktors.

Anfang der 90er Jahre zeichnete sich die Notwendigkeit einer Gesamtsanierung für die «Pflegi» ab. Das 1992 mit 160 Mio. Franken sorgfältig ausgearbeitete Gesamterneuerungsprojekt akzeptierte die damalige Gesundheitsdirektion nicht. Weder Stadt noch Kanton waren bereit die notwendige Summe zu sprechen.

Auf der Spitalliste von Regierungsrätin Verena Diener gab es in der Folge die «Pflegi» nicht mehr als eigenständiges Spital. Dies war die erste Spitalschliessung im Kanton Zürich. Die «Pflegi» erhielt nur noch einen Leistungsauftrag für 60 grundversicherte Patienten, gebunden an einen Zusammenschluss mit einem anderen Spital. Die ersten Verhandlungen mit dem damaligen Rotkreuz Spital mussten wir abbrechen, da das Rotkreuzspital kurze Zeit später ebenfalls geschlossen wurde. Weitere kurze Verhandlungen fanden mit dem damaligen Bethanienspital statt. Ob das Interesse nur an unserer Mitgift – den Immobilien – bestand, bleibe dahingestellt - ein Zusammenschluss kam nicht zustande.

Der dritte Versuch führte schliesslich zum erfolgreichen Zusammenschluss mit dem Diakoniewerk Neumünster auf den Januar 1998. Zwei pionierhafte Frauenwerke respektiv Stiftungen, je mit einem Spital haben erfolgreich zusammengefunden und den Aufbruch in eine gemeinsame Zukunft angepackt.

Bereits vor dem Zusammenschluss waren die Herausforderungen für die beide Stiftungen gross: 

Die damalige Frauenabteilung der «Pflegi», mit Geburtenabteilung, Gynäkologie und Neonatologie zügelte mit all ihren Mitarbeitenden in den Zollikerberg. Diese Disziplinen gab es bisher nicht im Spital Neumünster. Die übrigen Abteilungen der «Pflegi» - Chirurgie und Innere Medizin - waren im Angebot des Spitals Neumünster bereits vertreten und die «Pflegi»-Abteilungen, samt ihren Chefärzten wurden aufgehoben. 

Nur ein Viertel der «Pflegi»-Mitarbeitenden konnten ihre Arbeit im Zollikerberg weiterführen. 352 Arbeitsplätze gingen verloren. Das Spital hiess zu Beginn 1998 Spital «Pflegi»-Neumünster, bevor es zum Spital Zollikerberg wurde.

Auflage der Gesundheitsdirektion war, den Zusammenschluss ohne Neubauten umzusetzen. Frau Regierungsrätin Diener erklärte - ich höre ihre Worte noch - sie wolle keinen Kran auf dem Areal Neumünster sehen. Intern waren aber Rochaden und Umbauten nötig, es brauchte eine Geburtenabteilung, Gebärsäle und die Neonatologie mussten eingerichtet werden. Die Stiftung konnte und durfte unterstützen. Sie finanzierte beispielsweise die damalige neue Küche und vermietete sie an das Spital.

Als letzte Aufgabe durfte ich das grosse Archiv der «Pflegi» - eingelagert hier im Keller des damaligen Spitals mit all seinen Zeitzeugen seit der Gründung, für den Umzug und die Aufarbeitung in die Gosteli-Stiftung (Archiv zur Geschichte der Schweizerischen Frauenbewegung) vorbereiten und auch den Transport mit den «Pflegi» - eigenen Transportbüssli nach Worblaufen durfte ich begleiten.

Die neue Organisation war auf dem Papier per 1. Januar 1998 abgeschlossen. Die Umsetzung und das Zusammenwachsen beider Institutionen zu einem Ganzen dauerte noch länger. Bis die verschiedenen «Chemien» der beiden Stiftungen, respektiv die Mitarbeitenden und auch der Stiftungsrat zu einem Ganzen zusammengefunden haben, dauerte es einige Jahre.

Der erste Stiftungsrat nach dem Zusammenschluss startete mit 30 Mitgliedern aus den beiden Institutionen. Von den 18 Mitgliedern aus der «Pflegi» blieben schliesslich nur fünf. Ebenso wurde 1998 die neue Organisationstruktur geschaffen. Die bisherige Personalunion von Spitaldirektion und Stiftungsdirektion war mit der neuen Grösse der Stiftung nicht mehr möglich, so wurde sie auf zwei Personen verteilt und es entstand ausserdem eine neue dreistufige Führungsorganisation: Stiftungsdirektion, leitender Ausschuss und Stiftungsrat. 

Lassen Sie mich zum Schluss eine kurze Brücke zwischen Gründerzeit und der Gegenwart schlagen, den Bogen von der historischen Professionalisierung der «Pflegi» hin zu den heutigen Herausforderungen im Gesundheitswesen und unserer Stiftung.

  1. Die Brücke von der Emanzipation zur heutigen Fachkompetenz

    Im historischen Kontext ging es darum, Frauen überhaupt einen Zugang zu professioneller medizinischer Arbeit zu verschaffen und wie bereits angetönt, Pflege aus der reinen «Wohltätigkeit» in ein fundiertes Handwerk zu heben.

    Heute erleben wir eine Akademisierung und Spezialisierung des Pflegeberufs. Die Pflege ist längst keine reine ausführende Assistenz mehr, sondern eine eigenständige, wissenschaftlich fundierte Disziplin.

  2. Die Brücke zum Umgang mit dem aktuellen Systemdruck 

    Die Gründer - Pionierinnen der «Pflegi» schafften die Schule aus einer Not gegen den Widerstand eines patriarchalen und starren Gesundheitssystems. Sie machten die Probleme dieser Zeit zu ihrer eigenen unternehmerischen Aufgabe.

    Aktuell steht unser heutiges Gesundheitssystem massiv unter Druck, den wir alle kennen: Fachkräftemangel, steigende Kosten, administrative Überlastung und die Frage, wie wir angesichts der demografischen Entwicklung eine humane, qualitativ hochwertige Pflege sicherstellen. 

    Hier braucht es wieder den Pioniergeist von 1901: Mut zu neuen Rollenverteilungen, interprofessioneller Zusammenarbeit, innovativen Arbeitsmodellen und digitalen Hilfsmitteln, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

  3. Die Brücke zur Patientenzentrierung und Frauengesundheit

    Im historischen Kontext war die «Pflegi» ein Spital von Frauen für Frauen, das ganzheitlich dachte und den Menschen in den Mittelpunkt stellte.

    Diese frühe Form der ganzheitlichen, patientenzentrierten Medizin ist heute aktueller denn je, sie entspricht unseren Grundsätzen der Stiftung, die wir bis heute leben. Moderne Pflege bedeutet für uns die Begleitung des ganzen Menschen in einem immer komplexeren werdenden anspruchsvollen System.

    Die «Pflegi» hat gelehrt, dass Empathie und höchste Professionalität keine Gegen- sätze sind, sondern Hand in Hand gehen müssen.

Wenn wir heute auf die Anfänge blicken, sehen wir: Die Gründerinnen haben damals nicht einfach ein Spital gebaut; sie haben auf einen massiven Mangel und strukturelle Defizite mit Innovation, klarer Zielsetzung und konsequentem, weitsichtigen Handeln reagiert.

Die «Pflegi» war immer eine Pionierinnen-Organisation und ihrer Zeit weit voraus. Als Teil unserer Gesundheitswelt Zollikerberg ist sie heute so lebendig wie damals. Und auch heute verstehen wir patientenzentrierte und integrierte Versorgung, Innovation und Entwicklung sowie werteorientiertes und wirtschaftliches Handeln als zentrale Elemente unserer Organisation und unserer Identität. So lebt die «Pflegi» auch nach 125 Jahren weiter und ist uns bis heute Inspiration und Vorbild für unsere Arbeit für eine qualitativ hochstehende Gesundheitsversorgung in der Region.

Portraitfoto

Katharina Kull-Benz

lic. oec. HSG, Präsidentin des Stiftungsrates

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